9. Abgründe – was ist normal?

Es war eine schöne Villa, die Ursula Rein mit ihrer Familie bewohnte, in einem grünen Stadtteil. Im Wohnzimmer, vor einem großen Fenster, mit Blick auf den Garten, saß sie oft in einem gemütlichen Sessel, mit einer Tasse Kaffee und einem Buch. Ursula Rein las viel und gerne Romane. Es war still im Haus, wenn ihr Mann weg war zur Arbeit, Cornelia unterwegs und Barbara in ihrem Zimmer auf der ersten Etage.
Romane beschreiben das Leben und sie beschreiben die Liebe zwischen Frauen und Männern. Aber sie beschreiben auch den unvermeidbaren Hass zwischen den Menschen. Unmittelbarer als im wirklichen Leben, erkennt man im Roman, dass es die Spannung zwischen Liebe und Hass ist, die die Geschichten in Gang bringt und in Gang hält. Wenn es diese Spannung nicht gäbe, gäbe es keine Romane. Aber es ist etwas anderes, die Sehnsucht zu fühlen oder sie  beschrieben zu lesen, die Qualen einer vergeblichen Liebe zu erleiden oder sie mit einer Romanheldin zu teilen. Es war die Leidenschaft und die Liebe und deren Triumph über die Mächte der Finsternis in den Büchern, die ihr für ein paar Stunden den Frieden gaben. Mit sich allein, versunken in die Welt der Dichtung, an ihrem stillen Platz konnte sie die Erregung der Romanheldin als die eigene spüren. Sie konnte sich dem Mann hingeben, der sie besitzen wollte und sie doch nicht zerstörte. Sie konnte sich mit den Einzelheiten seines Körpers befassen und ihn besitzen oder sich besitzen lassen, wie sie wollte.
Ursula Rein seufzte. Es war kein Bedauern darüber, dass das alles nur Fiktion war. Nein, dass es nur erfunden war, war die Voraussetzung, um überhaupt mit so viel Aufrichtigkeit Anteil nehmen zu können. Ihr Herz bebte mit den Liebenden und doch war sie immer Ursula Rein, die in ihrem bequemen Sessel, neben der Stehlampe vor dem großen Gartenfenster ein Buch las und gleich in ihre Küche gehen würde, um das Abendessen vorzubereiten.
Die Dramatik ihres eigenen Lebens erlebte Ursula Rein ganz anders, nämlich als banal, abstoßend und lästig. Nur lesend konnte sie genießen, was sie im wirklichen Leben mit Scham und Schmerzen erfüllte. Sie war ja nicht nur die Liebende ihres Romans, sie war auch das Böse, das die Romanwelt ständig mit Untergang bedrohte. Sie hauchte ja auch den Halunken und Verrätern  Leben ein.
So erfüllte das Lesen der Romane zwei Funktionen. Ursula Rein konnte in einem Schauspiel beobachten, was doch aus ihr geboren war. Sie konnte durch das Lesen etwas ausleben, was sie sich nicht zuschreiben konnte. Die Leidenschaft, ihre sexuelle Erregung, ihre sadistische Lust an der Zerstörung, ihre masochistische Lust an der qualvollen Selbstzerstörung, das waren so mächtige Triebregungen in ihr, dass sie sich nicht hätte retten können, wenn sie sich dessen bewusst geworden wäre. Genau genommen konnte sie sich diesen Dingen nicht einmal ungeschützt in der Literatur stellen. Die Phantasien von Lust und Qual des Marquis de Sade, die Darstellungen der Foltermaschine in der ”Strafkolonie” oder die Leidenschaft der Emma Bovary waren ihr zu bedrohlich. Sie begnügte sich mit der Literatur zweiter Wahl, wo alles geglättet und weniger drastisch ist. Aber darum ging es in ihrer Seele doch nicht herzloser zu, verbarg sie trotzdem – wie wir alle – in einer manchmal mehr, manchmal weniger gefälligen Landschaft Abgründe.
Ursula Rein hätte nie Worte gefunden zu beschreiben, was ihr manchmal morgens im Bett durch den Kopf ging, was sie wenig später schon nicht mehr wusste: dass ein junger Mann sie liebevoll und zärtlich streichelte. Oder waren es schöne Frauen? In der Tür ein Mann, der ihr zuschaute, wie ein anderer dunkelhäutiger bei ihr lag. Ein gehauchtes Bild, das auf ihre Seele fiel und schon wieder vergessen war.
Was ihre Phantasien und geheime Leidenschaften betraf, war Ursula Rein keine ungewöhnliche Frau. Sie war auf ihre Weise sogar phantasievoller als viele andere.
Die Verwicklungen, die schließlich zu den tragischen Ereignissen um Barbara geführt haben, kann man nicht allein auf ungestillte Leidenschaften der Mutter zurückführen. Ursula Rein ist an der ganz normalen, alltäglichen Aufgabe gescheitert, an der viele Menschen scheitern, nämlich die Kräfte ihrer Seele zu zähmen. Sie war ihren Trieben hilflos ausgeliefert und konnte, trotz einiger günstiger äußerer Umstände, zu wenig von ihren Phantasien ausleben. Sie verband ein tiefes Gefühl der Unvollkommenheit und Scham mit ihnen. Das Lesen der Romane war eine übrig gebliebene Möglichkeit, wenigstens etwas davon in der Phantasie zu realisieren. Und selbst das erzeugte in ihr nicht selten Schuldgefühle.
Wäre es für Ursula Rein überhaupt möglich gewesen, eine größere innere Zufriedenheit zu erreichen? Ihr Mann hatte nicht dazu beitragen können. Aber kann man sich denken, dass es ein anderer Mann hätte erreichen können? Wenn das Schicksal Ursula Rein in eine andere Lebenssituation gebracht hätte, wenn sie z. B. Fürstin in einem mittelalterlichen Staat gewesen wäre, hätte sie vielleicht ihre Sexualität genossen und ihre Grausamkeiten an anderen ausgelassen, viel Unglück erzeugt, um ihr eigenes zu begrenzen. Aber dass es einen Menschen geben könnte, an dem sie hätte erfahren können, dass sie nicht an sich leiden musste, das ist nicht vorstellbar. Insofern war sie keine gewöhnliche Frau, hatte sie kein alltägliches Schicksal. Vielleicht hat sie das gespürt und darum ihren Mann nicht verlassen. Ihn konnte sie für ihr ganzes Unglück verantwortlich machen.
Ursula Rein hatte nicht die Chance gehabt, in den Augen ihrer Mutter ein wunderbares, einzigartiges Wesen zu sein. Das Resultat war ihr Hass und ihre Wut, die darauf hinausliefen, die Menschen ihrer Umgebung zu zwingen, ihre großartige Einzigartigkeit anzuerkennen. In ihrer Tochter Barbara hatte sie einen Menschen, in den sie das Unvollkommene ihres eigenen Wesens verlagern konnte, und an dem sie beweisen konnte, dass andere nur mit ihrer Hilfe lebensfähig sind. Was sie nicht dabei bemerkte, war, wie sehr sie selbst dadurch von ihrer Tochter abhängig wurde.
In diesem Sinn versuchte sie unablässig, die eigene, längst vergangene Kindheit zu korrigieren. Doch war sie nicht unfähig zu lieben. Aber die Liebe von Ursula Rein war nur zu einem geringen Teil selbstlos. Sie opferte sich auf, aber sie wollte nicht wirklich wissen, was ihre Kinder und ihr Mann selbst wollten.
Als Barbara in einem psychiatrischen Krankenhaus einen jungen Mann kennen lernte, nahm Ursula Rein das anfangs eher belustigt zur Kenntnis. Josef war zwei Jahre älter als Barbara, ein sehr kindlich und dabei altklug wirkender Mann, der sich viel über die Welt Gedanken machte. Er hatte auch viel gelesen, war aber nach dem Abitur ohne Beschäftigung. Josef hatte Gefallen an Barbara gefunden. Seine Konsequenz daraus war der Versuch, sie für sich ganz in Beschlag zu nehmen. Er rief im Hause Rein an und tat ganz selbstverständlich, wenn er Barbara sprechen, sie sehen und sie auf seine Unternehmungen mitnehmen wollte. Dabei schien er sich gar nicht zu fragen, ob es Barbara passte oder nicht, von der Familie Rein ganz zu schweigen.
Frau Rein mokierte sich zunächst nur über das unmögliche Benehmen des jungen Mannes, der doch keine anderen Qualitäten in ihren Augen hatte, als dass er viele Male in psychiatrischen Anstalten zur Behandlung gewesen war. Als aber Barbara so ganz allmählich mit Josef außer Haus ging, erst zu einem kurzen Spaziergang, dann ins Kino, wurde sie unruhig. Sie wurde überschwemmt von depressiven und aggressiven Gefühlen. Ihr sonst so beherrschtes Gesicht erschien nun plötzlich wild und verwüstet. Wenn sie jetzt von Barbara sprach, war es eine Drohung:
Barbara ist frech und unverschämt, oder:
Sie soll endlich irgendwas lernen und uns nicht mehr auf der Tasche liegen, dann:
Sie starrt den ganzen Tag nur vor sich hin. Das ist doch verrückt.
Es war eine Katastrophe in der Seele der Mutter. Die Situation war nicht mehr kontrollierbar. Das Entsetzen, ihre Tochter zu verlieren, war aber nur eines. Das andere war ihre Überzeugung, dass es Barbaras Ziel war, sie, die Mutter, zu verderben. Diese unbewusste Phantasie hatte sich erstmals in der Schwangerschaft gerührt. Ihr Mann, Cornelia und Barbara arbeiteten Hand in Hand am Untergang von Ursula Rein. Ursula Rein war paranoid.
Die Sache mit Josef ist irgendwie im Sande verlaufen. Später erst hat Barbara die Liebe zu einem Mann entdeckt. Ihr Zustand war dann schon so, dass die Mutter ebenso wenig wie irgendein anderer an eine neue Entwicklung glaubte oder sie erkennen konnte.
Wie alle Menschen ahnte Ursula Rein, dass es im Leben auf Beziehungen ankommt, wenn man so etwas wie Sinn in sein Leben bringen will. Und das hieß vor allem Liebe. Liebe zu der Familie, aus der sie kam, und zu der Familie, in der sie lebte. Aber es hätte ihr etwas an ihrer Weiblichkeit gefehlt, wenn sie nicht auch die Leidenschaft zu einem Mann als das angesehen hätte, was – ja man muss schon sagen – zu dem Bestimmungszweck ihres Daseins gehörte. Gerade weil sie eine intelligente Frau war, weil sie moralische Maßstäbe hatte. Mit den kleinen Annehmlichkeiten des Lebens gab sie sich nicht zufrieden, obwohl sie sie schätzte. Sie liebte Musik und fand immer Freundinnen oder Paare, mit denen sie ab und zu ins Konzert gehen konnte. Sie genoss es, gelegentlich allein oder in Gesellschaft zu wandern, den Geruch von Wald und Wiesen, Wasserlandschaften, Gebirgen und Meer zu atmen. Ihr Haus war ihre Zierde, und wenn Gäste kamen, machte sie es sich zum Ziel, sie gut und bestens zu bewirten. Das alles tat sie mit Überzeugung. Wenn sie guter Laune war, ihr das Zerwürfnis mit ihrem Mann nicht so gewichtig erschien und sie die Sorgen um Barbara verscheuchen konnte, sagte sie schon mal:
Wem sollte es nützten, wenn es mir schlecht geht? und lachte.
Aber war es nicht so, dass sie das Schöne und Erhabene, das sie erlebte, mit jemandem teilen wollte? Wenn sie durch tiefe Wälder strich oder die Musik ihr Herz berührte, dann flüsterte sie ihrem Geliebten ins Ohr, was niemand je hören sollte außer ihm.
Das erstaunliche war, diesen Geliebten gab es. Es gab ihn über ein Jahrzehnt in ihrem Leben und danach als Erinnerung. Aber Ursula Rein hat diese Liebe nie realisiert. Es gab keinen Kuss und keine Umarmung, keine verlangenden Gespräche in der Nacht am Telefon und keinen schmerzlichen Abschied. Ursula Rein liebte einen Mann, den sie manchmal sah, dem sie aber nie ihre Liebe gestand. Und doch gab es auch eine Geschichte mit ihm. Sie war ihm böse, sie war beleidigt, hoffnungsfroh und glücklich. Es gab ein erstes Kennenlernen und schließlich eine Trennung.
Dieser Mann war ein Arbeitskollege ihres Mannes. Er war einige Jahre älter als sie, ein ausdrucksvoller, eher kleiner, etwas rundlicher Mann in guter Stellung, verheiratet mit zwei halbwüchsigen Kindern. Er war nicht besonders gut aussehend, hatte aber Herzlichkeit.
Ursula Rein fand Gefallen an Rolf, als sie ihn kennen lernte. Sehr bald dachte sie in einem plötzlichen Anflug:
Das ist der Mann, mit dem ich glücklich werden könnte.
Wahrscheinlich hat Rolf nie etwas von der Leidenschaft dieser Frau geahnt, bestimmt hat er nichts davon gewusst. Sie war sehr freundlich zu ihm, und angesichts der emotionalen Kälte, die sie zu ihrem Mann empfand, fiel ihre Freundlichkeit auch auf, aber sie blieb doch im Rahmen.
In gewisser Hinsicht war es klug, dass Ursula Rein einen Versuch, ihre Liebe zu Rolf zu realisieren, nie wagte. Sie spürte, dass die Nähe zu ihm ihr ähnliche Probleme bescheren würde, wie sie sie mit  Barbara hatte. Sie war unfähig, einem Menschen, den sie liebte, eine unabhängige Existenz zu gestatten. Sie konnte einen geliebten Menschen nicht in ihrem Innern bewahren, wenn er sie verließ. Die morgendliche Trennung, wenn der Mann zur Arbeit ging, war für sie ein Stoß in den Abgrund der Einsamkeit, wovor sie sich nur mit Zorn schützen konnte. Eine Zeitlang konnte sie diesen Zorn in eine Verstimmung umwandeln, durch Aktivitäten verbergen oder mit ihrer Vernunft bekämpfen. Aber er nagte an der Überzeugung, dass er es gut mit ihr meinte und das war das Gift, das ihr Vertrauen zerstörte.
Ursulas Liebe zu Rolf blieb ein Ereignis in ihrer Seele. Die Liebe wurde keine Wirklichkeit.
Ursula hatte irgendwann plötzlich das Verlangen, Rolfs Arme zu sehen, muskulöse behaarte Arme. Sie dachte daran, auch bei ihren seltenen Masturbationen. Die waren nicht besonders ekstatisch. Sie fand sie angenehm und genoss die Entspannung danach. Sie schaffte sich so eher etwas Lästiges vom Halse, nämlich die Gefahr, sexuell erregt zu werden. Aber wie verkümmert ihre Sexualität auch war, so war es doch eine große Veränderung, dass sie nun plötzlich mit der Person und dem Körper von Rolf verknüpft wurde. Die Forderung ihrer Sexualität nach Erfüllung ließ sich nicht mehr so ohne weiteres abweisen. Das ging einige Monate so. Dann gab es ein Fest, auf dem das Ehepaar Rein mit Rolf und seiner Frau zusammentraf, ein Fest mit den üblichen Toasts und förmlicher Fröhlichkeit. Aber dieser Abend war anders, jedenfalls für Ursula.
Zwischen ihr und Rolf kam ein vertrautes Gespräch auf. Und da sowohl Ursula wie auch Rolf die Fähigkeit hatten, Vertrautheit ohne Anzüglichkeit herzustellen, war es ein Gespräch, das andere Personen, die an dem Tisch saßen, mit hineinzog, so dass es bald eine fröhliche Runde war, deren Mittelpunkt die beiden waren. Die Vertrautheit der beiden miteinander war wie bei einem gut eingespielten Paar. Die gute Laune dieses Tisches war weder lärmend noch überlaut, sie steckte die anderen an.
Das Gespräch am Tisch ging um Naturerlebnisse. Ursula Rein erzählte, wie sie das letzte Mal mit ihren Eltern in Urlaub gefahren war. Sie hatte sich noch vor dem Morgengrauen aus dem Hotel gestohlen und war an den Strand gegangen.
Ich war, glaube ich, 17. Ich bin in einem Strandkorb eingeschlafen. Als ich aufwachte, ging gerade die Sonne auf, vor mir, über dem Meer. Es war das erste Mal, dass ich so intensiv erlebt habe, was Natur ist. Ich meine, wie schön sie ist. Ich war allein und – wie soll ich sagen – es war so still und dann doch die Vögel in der Luft.
Keiner hätte sagen können, wie es sich entwickelt hatte. In Ursulas Phantasien begann eine Affäre. Ein halbes Jahr später schlief sie mit Rolf. Das erste Mal stellte sie es sich sehr prosaisch vor. Sie zogen sich beide aus und nach kurzer Zeit war die Sache schon vorbei, zwar lustvoll, aber fast mechanisch. Vielleicht musste es so sein, weil die Anspannung und Erwartung zu groß waren, weil Ursula Rein ihren Körper neu kennen lernen musste, um das, was folgte, überhaupt auszuhalten.
Beim zweiten Mal räumte Ursula sich mehr Zeit ein, eine ganze Nacht. Als Rolf erschöpft und ganz verloren doch noch in ihr ruhte, vergingen ihr fast die Sinne. Ihre Vorstellung wurde zum körperlichen Empfinden, das schließlich den ganzen Rolf umschloss.
Rolf schlief in ihr liegend, auf ihr liegend und neben ihr liegend in ihrem Bett, das er doch nie berührte. Ursula schloss kein Auge diese Nacht. Am nächsten Morgen war Ursula Rein eine andere und die ganze Welt war anders. Es gab die Nachtwelt und die wirkliche Welt, die einander nicht berührten. Als der Wecker klingelte, morgens ein Viertel vor sieben, klappte sie ihr Nachterleben zu wie ein Buch und wandte sich den Aufgaben des Tages zu. Sie stand auf, putzte sich die Zähne, frisierte sich die Haare und warf sich einen Morgenmantel über. Dann kamen Barbara und Cornelia dran, das Frühstück ihres Mannes und schließlich saß sie am Frühstückstisch allein wie Millionen anderer Hausfrauen, allein im Haus. Vor sich hatte sie die immer gleichen Aufgaben, auf die sie um nichts in der Welt verzichtet hätte.
Es ist bestimmt nichts Ungewöhnliches, dass eine Frau oder ein Mann phantasiert, eine Liebesaffäre zu haben. Mit diesen Phantasien lässt sich vieles besser ertragen. Glück, das wir nicht erleben, können wir wenigstens träumen. Es wäre ja auch nichts Ungewöhnliches gewesen, wenn sie versucht hätte, ihre Liebe zu Rolf zu realisieren. Sie hätte ein heimliches Verhältnis zu ihm haben oder versuchen können, die Beziehung zu ihm zu legalisieren. Ursula wählte einen Weg, der keines von beidem, bzw. alles war.
Ursula Rein liebte wie eine Frau nur lieben kann. Sie war kompromisslos genug – oder: in ihrer Liebe stark genug, um die Wirklichkeit ihrer Wünsche zu fordern und zu versuchen. Allmählich erst, dann mehr und mehr machte sie den Schritt aus ihrem Reich der Phantasie in eine Wirklichkeit, die sie sich selbst schuf. Die Menschen um sie herum merkten, dass etwas mit Ursula Rein nicht stimmte, dass sie mit etwas beschäftigt war, was sie mit keinem teilte. Manchmal entfernte sie sich abrupt von den Menschen, mit denen  sie gerade zusammen war, um sich ihren inneren Bildern oder ihren Gefühlen ganz hinzugeben. Oder sie lächelte schon mal in sich hinein, ohne dass es einen erkennbaren äußeren Grund gab.
Die Realität ihrer Liebe entstand sowohl plötzlich wie allmählich. Zuerst war es pure Phantasie. Aber irgendwann wusste sie, es ist so. Sie erkannte es daran, das Rolf eines Abends anrief und ihren Mann sprechen wollte. Das geschah zwar gelegentlich, aber dieses Mal sagte er am Telefon, als er zuerst Ursula Rein an den Hörer bekam:
Wie geht es Ihnen? Ist das Wetter nicht so, dass man sich wohl fühlen muss?
Sie wusste es sofort: Rolf wollte ihr sagen, dass er mit allem einverstanden war und alles wusste, was zwischen ihnen beiden war.
Eine Liebe zu phantasieren, ist nichts ungewöhnliches. Dass Ursula Rein aber von der Wirklichkeit überzeugt war, heißt, dass sie keine sichere Fähigkeit hatte, zwischen Phantasie und Wirklichkeit zu unterscheiden. Sie war selbst im Kern psychotisch. Es gibt viele solcher Menschen, deren Psychose nur einen umgrenzten Lebensbereich  betrifft. Sie sind zwar immer auch in anderer Hinsicht „gestört“ – wie es Ursula Rein ja auch war – aber nicht so sehr, dass sie auffallen würden.
Ursula gab den Hörer mit einem:
Ja, Sie haben recht, an ihren Mann weiter.
Solange ihre Liebe zu Rolf für Ursula Rein nur Phantasie war, hatte sie Probleme mit ihrem Mann. Da war einerseits die Vorstellung einer erfüllten Liebe in ihrem Herzen und andererseits die konflikthafte Beziehung zu ihrem Mann. Diese Diskrepanz schmerzte sie. Es machte ihr die Unvollkommenheit ihres Lebens, ihr Unglück präsent. Die Phantasie, dass es eine bessere, eine vollkommene Liebe geben könnte, machte sie unglücklicher als sie vorher gewesen war. Als sie aber das, was doch nur Phantasie war, zur Realität machte, brauchte sie ihre aggressive Abgrenzung von ihrem Mann weniger als früher. Sie wurde etwas duldsamer mit ihm; denn sie hatte ja nun einen, der ihr näher stand und der vor allem immer so war, wie sie ihn brauchte. 
Nach einigen Jahren hat Ursula Rein das Verhältnis zu Rolf beendet. Erst schlief die Sache für sie allmählich ein. Nicht der Charakter von Realität, den sie ihren Phantasien gegeben hatte, sondern die Häufigkeit, mit der sie ihre Beziehung realisierte. Sie sahen und sprachen sich seltener, dann dachte sie an ihn nur noch sporadisch und schließlich beendete sie das Verhältnis. Es dauerte noch einige Monate und danach war sie Rolf böse. Das allerdings war sie nun auch in Wirklichkeit. Wenn sie Rolf schon mal am Telefon hatte, weil er ihren Mann sprechen wollte, gab sie den Hörer wortlos an ihren Mann weiter. Und wenn sie ihn sah, was ein oder zwei Mal aus Zufall geschah, ignorierte sie ihn.
War Ursula Rein vorher schon einsam gewesen, so registrierte sie diese Einsamkeit nun auch – allerdings ohne Bedauern. Barbara war schon tot, zu ihrem Mann hatte sie ein Verhältnis, das mit einem Minimum an Kommunikation auskam und Cornelia hatte sich auf ihre Art aus dem Haus gestohlen.
Während Cornelia in ihrer Kindheit und Jugend immer Wege fand, sich von der Familie zu entfernen, kam sie nach ihrem Auszug als junge Frau zwar nicht eben häufig, aber doch regelmäßig die Familie besuchen. Ihre Ankündigung, dass sie nun auch heiraten wolle,  kam ziemlich unverhofft. Niemand in der Familie hatte diese Entwicklung mitbekommen.
Lothar Rein freute sich darauf. Ursula Rein hatte gemischte Gefühle. Barbara nahm es zunächst ohne besondere Reaktion zur Kenntnis, war aber zum anberaumten Termin hoch psychotisch. Man holte sie für ein paar Stunden aus der Klinik und setzte sie an die Hochzeitstafel.
Es war eine große Hochzeitsgesellschaft. Der Mann von Cornelia hatte zwei ältere Brüder. Beide waren verheiratet und hatten Kinder, außerdem hatte er eine Reihe Tanten und Onkeln, die fast alle auch Familie hatten. Überdies hatte er viele Freunde, die er zu diesem Fest geladen hatte. Dagegen wirkte die Familie Rein ganz verloren. Außer den Eltern, der Oma Ruge und zwei Freundinnen der Braut hatte man niemanden laden können. Barbara war ein Bild des Jammers. Es schien, als ob niemand Kenntnis von ihr nehmen würde. Und Ursula Rein empfand Neid. Sie sah die Eltern des Bräutigams, die einander zugetan schienen. Sie lachten miteinander und tanzten. Cornelia war eine hübsche Braut und da sie im Mittelpunkt stand, sah man, dass sie eine gute Figur und ein ebenmäßiges Gesicht hatte. Die Mutter selbst empfand Überraschung darüber. Dieses Kind ging nun weg, und es war ihr, als ob sie das erst jetzt bemerkte. Dieses Kind ging weg, ohne dass es wirklich da gewesen war.
Nach dem Mittagessen hielt der Vater des Bräutigams eine kurze Rede. Er drückte aus, wie viel Hoffnung  mit jeder Eheschließung verbunden ist und dass man dem jungen Brautpaar Glück und Kinder wünsche. Dann erzählte er einige Anekdoten aus dem Leben des Sohnes. Er erzählte auch, wie sich die beiden kennen gelernt hatten, nämlich versehentlich. Christian, so hieß der Bräutigam, hatte bei einem geschäftlichen Auftrag die Adressen verwechselt und war in der Firma gelandet, bei der Cornelia in einem Büro arbeitete. Die hatte versucht, ihn wegzuschicken, während er darauf bestand, bei ihr an der richtigen Adresse zu sein. Die beiden hatten sich darüber so in die Wolle gekriegt, dass schließlich irgend jemand von der Firma intervenieren musste. Das war Liebe auf den ersten Blick, meinte er. Und sein Sohn habe doch Recht behalten.
Er war an der richtigen Adresse! rief der alte Mann.
Die Mutter von Christian blickte all die Zeit gut gelaunt auf ihren Sohn und ihren Mann. Liebe dachte Ursula Rein, die das beobachtete. Sie konnte nicht wissen, was die Schwiegermutter ihrer Tochter wirklich dachte:
Er sieht aus wie sein Vater. Bestimmt ist er auch sein Sohn.
Gewissheit hatte sie in der Sache nicht. Sie hatte immer mal neben ihrem Mann Liebhaber gehabt – ihr Mann auch, junge Männer. Aber auch das wusste keiner der Anwesenden.
Dann wurde getanzt. Und da viele junge Leute da waren, wurde es ein ausgelassenes Fest. Es wurde Zeit, Barbara zurück in die Klinik zu bringen. Man konnte nie genau wissen, wie sie reagieren würde. Den Transport übernahm unauffällig die Mutter. Vater Rein gab eine gute Figur ab, von Repräsentation verstand er etwas. Außerdem war er wegen seiner beruflichen Position in der Runde anerkannt. Über die Veränderung, die die Heirat von Cornelia bedeutete, dachte er nicht nach. Er lebte in der Gegenwart und mit der, die ihn gerade umfing, war er zufrieden.
Das Brautpaar war einigermaßen glücklich. Cornelia war es bestimmt. Sie hatte nun einen Mann und hoffte bald auch Kinder zu haben. Vor allem war sie ihrer Familie entflohen. Sie empfand sehr deutlich, dass sie mit dieser Hochzeit den letzten Schritt in die Unabhängigkeit gemacht hatte.
Bei Christian war es schwieriger. Die große Liebe war seine junge Frau nicht, obgleich er sie sehr gern hatte. Er schätzte ihr gutmütiges Wesen und er hatte an ihrer unauffälligen anschmiegsamen Art Gefallen gefunden. Später, nach einigen Ehejahren würde er entdecken, dass die lauten, verführerischen Frauen ganz eigene Reize haben. Aber jetzt war er jung und sehr mit sich selbst beschäftigt. Da tat ihm diese Frau gut, die sich so ganz auf ihn einstellen konnte. Er konnte sich ausbreiten, er war nie allein, brauchte aber nur wenig Rücksicht zu nehmen. Als dann nach einiger Zeit die zwei Kinder kamen, hatte er die Freude an den Kindern. Die Pflege und Sorge nahm ihm seine Frau weitgehend ab. Manchmal wunderte er sich allerdings darüber, wie wenig die Kinder auf ihn bezogen waren.
Es war merkwürdig, durch die Verheiratung Cornelias, die doch nie viel für Barbara getan hatte und schon länger nicht mehr im Hause Rein lebte, fühlte sich Ursula Rein doch sehr belastet, was Barbara betraf. Die Anwesenheit Barbaras und die nie endenden Schwierigkeiten wurden unerträglich. Sie besorgte Barbara darum eine kleine Wohnung in der Nähe.


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